Kitty Hart-MoxonWo die Hoffnung erfriert

Evangelische Verlagsanstalt

Die Autorin schildert ihre Erlebnisse als Jüdin, durch die sie erstmalig in ihrem Heimatland, dem noch freien Polen mit antisemitischen Verhaltensweisen konfrontiert wird.

Nach Kriegsbeginn 1939 beginnt für Jahre ein Leben unter Verfolgung. Während Juden vor der deutschen Besatzung nach Osten fliehen, suchen Menschen aus polnischen Ostgebieten in westlicher Richtung Schutz vor der einrückenden Roten Armee.

Nach vergeblicher Flucht, den Folgen der Kollaboration gewisser polnischer Kreise mit der deutschen Besatzungsmacht und Verrat um des eigenen Vorteil willen, begann 1943 die Gefangenschaft in Auschwitz.

Die Schilderungen grausamen physischen und psychischen Terrors entsprechen den Mitteilungen, wie sie von anderen KZ-Insassen bekannt wurden.

„Offensichtlich waren wir Schwerverbrecher. Unser Verbrechen? Als Jude geboren worden zu sein.“

Mit unvorstellbar ausgeklügelter Logistik wurde nicht nur der Massenmord geplant und durchgeführt, sondern auch von zusätzlicher sinnloser grausamer Quälerei begleitet.

Die Autorin hat mit ihrer Mutter den Naziterror überlebt.

Nach ihrer Befreiung in Salzwedel erlebt sie auf ihrem ersten Erkundungszug die nicht nachvollziehbare Haltung einer deutschen Einwohnerin: “Nehmen Sie alles, nur bitte nicht das Bild meines geliebten Führers! Bitte!“.

Erschütternd schildert sie im ersten Kapitel die Enttäuschungen, die sie nach dem Verlassen des besiegten Deutschlands erfährt. Nach der durch die UNRRA bezahlten Überfahrt nach England (kostenlos übrigens nur für nichtdeutsche Juden!) erlebt sie zu ihrer Bestürzung bewusstes Desinteresse gegenüber ihren Erfahrungen im Nazireich, und dies nicht nur unter Briten, sondern sogar unter rechtzeitig emigrierten Juden, denen die schlimmsten Schrecken erspart blieben.

Aus dem Nicht-wissen-wollen erwuchs ein Unverständnis der Asylgeber gegenüber Verhaltensstörungen und dem Mangel an bürgerlichen Umgangsformen, hervorgegangen aus dem jahrelangen Überlebenskampf: „Doch die Stolpersteine des täglichen Lebens bedeuteten unbekanntes Terrain für mich. Ich kannte sie Regeln nicht, weder die guten, noch die schlechten.“

Die ringsum herrschende menschliche Kälte weckte Gedanken an die Rückkehr zum Camp in Deutschland, „wo ich noch Freunde hatte.“ Es entwickelte sich ein Gefühl der Heimatlosigkeit, „das ich in Birmingham mehr hatte als irgendwo anders und heftiger als in meinen schlimmsten Zeiten empfand.“

1978 entschloss sich die Autorin zu einem Besuch der polnischen Heimat einschließlich des Lagers Auschwitz, wo sie erst jetzt von den Ausmaßen des Lagerkomplexes erfuhr. Gleichzeitig erlebte sie erneuten Antisemitismus unter der jugendlichen polnischen Bevölkerung.

Antisemitismus ist nicht nur ein deutsches Problem!

„Ein Sprichwort sagt: Alle verstehen heißt, alles verzeihen. Vielleicht ist das ein Grund, warum man den Nazis niemals verzeihen kann – ihr quälendes Unrecht kann niemals verstanden werden.“

Neben der Wiedergabe der grausamen Erlebnisse beeindruckt die Autorin mit ihren Schilderungen und Betrachtungen zur Reaktion der Umwelt nach dem Überleben des Naziterrors. Die meisten Menschen wollen in ihrem bürgerlich geordneten Leben nicht gestört und an ihre etwaige Mitverantwortung am Geschehenen bzw. eingeforderte Hilfeleistungen erinnert werden. Keiner will etwas verursacht, unterstützt, geduldet oder erlebt haben. Die Welt soll am besten so weiter bestehen, wie sie vorher war. Nichts sehen, nichts hören, nichts besprechen ist die Wunschvorstellung.

Vielleicht trägt das Buch dazu bei, die bewusste oder fahrlässige Gedankenlosigkeit von Menschen zu überwinden.

Kitty Hart-Moxon: "Wo die Hoffnung erfriert"
Evangelische Verlagsanstalt, gebunden, 11,80 €.
Diese Besprechung schrieb Dr. med. Egbert Scharfe.