Amy Dockser MarcusTempelberg und Klagemauer

Deuticke im Zsolnay

Amy Dockser Marcus zeigt, dass sich die Sicht auf die Geschichte des vorderen Orients durch die Forschungsergebnisse der modernen Archäologie verändert hat. Während die archäologische Forschung bis weit in das 20. Jahrhundert bestrebt war, die biblischen Berichte zu untermauern, kommt sie heute zunehmend zu der Erkenntnis, dass das Land Israel in Wirklichkeit den gleichen historischen und umweltbedingten Einflüssen unterlag wie seine Nachbarn in der Region. Die Israeliten lebten im Großen und ganzen wie ihre Zeitgenossen im Nahen Osten.

Am Beispiel Ramses II. werden auf der Basis archäologischer Forschungsergebnisse Sichtweisen diskutiert, die in Kenntnis mosaischer Berichte zu abweichenden bzw. weitergehenden Überlegungen führen.

Angesprochen wird die Frage nach dem Unterschied zwischen Kanaanitern und Israeliten. Wegen gleicher religiöser Riten, gleichen Alphabets und gleicher Keramik wird die These aufgestellt, dass beide dasselbe Volk waren. Viele religiöse und begründete archäologische Parallelen sprechen hierfür. Bewiesen ist letztlich nichts.

Die Suche nach den Wurzeln entzweit erneut die Bewohner Palästinas (palästinensische Araber und Israelis). Die arabische Behauptung, die Kanaaniter seien Araber, entbehrt allerdings stichhaltiger Begründungen.

Das Buch berichtet über archäologische Forschungen und Gedankenspiele verschiedener Wissenschaftler, die trotz vieler Entdeckungen immer neue Fragen in Bezug auf die Herkunft der Israeliten, deren Siedlungsgeschichte und das Zusammenleben mit anderen Völkern, insbesondere den Kanaanitern, aufwerfen. Jedenfalls gibt es offensichtlich keine eindeutigen Erkennungszeichen für die ethnische Zugehörigkeit, anhand derer man zwischen Kanaanitern und Israeliten unterscheiden könnte.

Was Israel erlebte, erlebten in Wirklichkeit viele andere Siedlergruppen im Laufe der Jahrhunderte auch. Das Schicksal Israels lässt sich niemals völlig von den übrigen Ereignissen in der Region trennen.

Die Autorin berichtet, dass aufgrund heutiger Kenntnisse die Bedeutung Davids und Salomos in verändertem Licht gesehen wird, desgleichen das Verhältnis von Juda zu Israel in postsalomonischer Zeit. Eine Neubewertung der Verbindungen zu den aramäischen Nachbarherrschern und der aramäischen Sprache scheint erforderlich. Ausgrabungen und archäologische Wissenschaft bringen Ergebnisse, die nicht immer in offensichtlichem Einklang mit den biblischen Berichten stehen. Sie sollten aber weniger als Widerspruch denn als Ergänzung oder Präzisierung der Überlieferungen zu sehen sein.

Die Autorin berichtet über unzählige archäologische Bemühungen in den Regionen der Bibel, die leider häufig keine Klärungen und keine eindeutigen ethnischen Zuordnungen zulassen, da eine Vielzahl von nicht immer ortsständigen Völkerschaften miteinander verzahnt waren.

Das Buch informiert über die Diskussion unterschiedlicher Thesen und gibt einen Überblick über Stand und Ergebnisse einschlägiger Wissenschaften in der Erforschung der Geschichte des biblischen Landes, verständlicherweise ohne eine umfassende Aufklärung der historischen Abläufe wiedergeben zu können. Auf die Wissenschaftler wartet noch eine immense Arbeit.

Eine intensivere Korrekturlesung hätte zahlreiche Druckfehler vermeiden können. Das ändert aber nichts daran, dass das Interesse des Lesers an der Thematik geweckt wird.

Amy Dockser Marcus: "Tempelberg und Klagemauer"
Deuticke im Zsolnay, gebunden, 25,90 Euro.
Diese Besprechung schrieb Dr. med. Egbert Scharfe.