China KeitetsiSie nahmen mir die Mutter und gaben mir ein Gewehr

Ullstein Verlag

Kindersoldaten sind uns nicht ganz fremd. Man erinnere sich an das Jahr 1945, als Hitlerjungen zwischen Sendungsbewusstsein und Angst den Gegner mit der Panzerfaust besiegen wollten. Oder sollten?

China Keitetsi wurde in Uganda mit 9 Jahren zum Militärdienst gezwungen, zum Kampf gegen ein korruptes Regime, welches durch ein ebensolches ersetzt werden sollte.

Die Rekrutierung zum Militär war Verbunden mit einer grausamen Verfolgung der Tutsifamilien, einem wahrscheinlich den Niloten zuzurechnenden Stamm, was an rassische Verfolgung im dritten Reich oder ethnische Säuberungen in Jugoslawien erinnert.

Die Dummheit der Akteure führt gleichzeitig zur Vernichtung von Plantagen, Vieh und Häusern. Wer wird nicht an das südliche Afrika unserer Tage erinnert?

Tribalistische Stammesfehden werden hemmungslos ausgenutzt.

Museveni, ursprünglich ugandischer Rebell, später ugandischer Präsident, setzte als erster afrikanischer Heerführer Kindersoldaten ein. Nachdem andere später die „progressive“ Idee kopierten, wurde Museveni zum „Vater aller Kindersoldaten“. Bedingungslose Unterwerfung und sexuelle Ausbeutung formten die Kindersoldaten zu willenlosen Handlangern.

„Menschen zu töten, war etwas völlig alltägliches für mich geworden“, schreibt Keitetsi. „Unsre Loyalität war grenzenlos. Für uns ging es um alles oder nichts. Wir hatten nichts, wohin wir hätten zurückkehren können.“

Die Kindersoldaten lernten nichts anderes als Krieg und Mord, Betrug und Entrechtung, den nackten Kampf ums Überleben.

„Für viele Kinder waren das Töten und Foltern ein spannender Job.

Wir waren zu jung, um zu begreifen, dass die Taten sich in einen Alptraum verwandelten, der uns nicht mehr losließe.“

Während die Offiziere nur nach einer siegreichen Zukunft mit Macht und Reichtum strebten, waren die Kinder ihnen völlig gleichgültig.

Wie Keitetsi schreibt, spielte sich das ganze Leben im Soldatensein ab, wobei die Machenschaften der Befehlsgewaltigen undurchsichtig blieben.

Nur mit Zielstrebigkeit, Mut und viel Glück konnte Keitetsi sich aus der aussichtslosen Umzingelung lösen und durch jahrelange Flucht und Illegalität über Südafrika mit Hilfe von UNO- Behörden nach Dänemark entkommen, um hier ein neues Leben zu beginnen.

Aber was bedeutet: Neues Leben? Vor allem die psychische Traumatisierung verfolgte sie weiter. „ Der Weg zurück zur Normalität war lang. Es gab große Schwierigkeiten, sich an ein normales ziviles Leben anzupassen.

Wie Keitetsi berichtet, gab früher die Waffe das Gefühl vermeintlicher Sicherheit. Jetzt erforderte die Anpassung an ein völlig neues Milieu und ein anderes Verhalten der Menschen eine komplette Umgewöhnung. „Heute brauche ich andere Waffen: Einsicht und Verständnis.“

„Die Hoffnung, wieder ein ganzer Mensch zu werden, den Traum von Freiheit, habe ich nie aufgegeben. Wer einen Löwen besiegt, auf den geht etwas von dessen Mut und dessen Stärke über. Wer den Kampf verliert, wird gefressen.“

In ihrer Klage an Museveni formuliert Keitetsi: „ Ich legte mein Leben in deine Hände- als schliefe ich neben einem Löwen. Und wer neben einem Löwen schläft, wird vielleicht schon am nächsten Morgen gefressen.“

China Keitetsi schildert in einem nicht immer fortlaufenden Bericht, in vielen Episoden das grausame Schicksal der entrechteten Kinder und Jugendlichen eines in Unfreiheit lebenden Volkes als Mahnmal und Warnung gegen die Rekrutierung von Kindersoldaten.

Sie erhebt ihre Stimme und fordert das Recht auf selbst bestimmtes Leben und ein Leben in Würde.

China Keitetsi: "Sie nahmen mir die Mutter und gaben mir ein Gewehr"
Ullstein Verlag, gebunden, 20,00 euro.
Diese Besprechung schrieb Dr. med. Egbert Scharfe.