Clemens VollnhalsSachsen in der NS-Zeit

Gustav-Kiepenheuer-Verlag Leipzig

Der Autor versucht, mit sehr umfangreichen Recherchen anhand historischer Dokumente die Entwicklung Sachsens und seiner Bewohner während der Zeit der nationalsozialistischen Herrschaft darzustellen und aufzuhellen.

Eine derartige von Ideologie und legitimatorischem Zwang unabhängige Geschichtsaufbereitung wurde auf dem Gebiet der ehemaligen DDR erst 1990 möglich.

Während Sachsen zu Beginn des 20. Jahrhunderts als sogenanntes „Rotes Königreich“ eine Wiege der deutschen Arbeiterbewegung war und in der Weimarer Republik und in Sachsen gleichzeitig rote und braune Hochburgen existierten, entwickelte sich Sachsen schließlich zu einem wesentlichen Teil des faschistischen Deutschlands.

Die Entscheidung der sächsischen SPD von 1923, die Zusammenarbeit mit der KPD zu suchen, und der auf Geheiß Moskaus erfolgte Eintritt der KPD in die Landesregierung führte zum Einmarsch der Reichswehr in das rote Sachsen und zur Einsetzung eines Reichskommissars. Der Bildung einer großen Koalition 1924 folgte die Spaltung der SPD. Die Abwehrfront gegen den erstarkenden Faschismus wurde geschwächt.

1925 wurde die zeitweilig verbotene NSDAP neu gegründet. Einer der führenden Vertreter der Partei in Sachsen war Martin Mutschmann aus Plauen, der im gleichen Jahr von Goebbels als „ordentlicher, brutaler Führer“ gelobt wurde. Mutschmann war fanatischer Antisemit. Er drohte 1931 unverhohlen: „Der Tag der Abrechnung wird kommen, und die Synagogen werden in Rauch aufgehen“.

Ein Nürnberger NSDAP-Stadtrat sagte 1925 in Plauen über die Juden, dass „Unkraut mit aller Macht beseitigt“ werden müsse. Es könne auch kein Unterschied gemacht werden, ob einer getauft sei oder nicht, Jude sei Jude.

Nach Wahlkampfauftritten Hitlers 1930 in sächsischen Städten gibt eine Freiberger Zeitung dessen Haupttenor wieder: “Ein gesundes Volk geht stets den Weg der Raumerweiterung“. Hitlers politisches Programm enthielt also die Option „Krieg“. Hätten mehr Deutsche Hitlers Machwerk „Mein Kampf“ gelesen, hätten sie wahrscheinlich klüger gehandelt.

Wie im gesamten Reich förderten Wirtschaftskrise, Arbeitslosigkeit, verletzter Nationalstolz in Verbindung mit den Auswirkungen des Versailler Vertrages, die Macht des Finanzkapitals und der offene oder unterschwellige Antisemitismus auch in Sachsens Bevölkerung die Nazipläne und führten zu einer politischen Radikalisierung.

Trotz des zeitweiligen Niedergangs der NSDAP kam eine linke Gemeinsamkeit aufgrund der Sowjethörigkeit der KPD nicht zustande. Bereits 1934 konnte Hitler auf dem Nürnberger Parteitag verkünden: “Nicht der Staat befiehlt uns, sondern wir befehlen dem Staat.“

Die mangelnde Abgrenzung von Partei und Staat blieb ein grundsätzliches Problem des

3. Reiches. Die NSDAP erhob den Führungsanspruch gegenüber dem Staat, wurde zur alleinigen Staatspartei.

Aus heutiger Erfahrung sehen wir Parallelen in der Geschichte des 3. Reiches und der DDR. Die Menschen erlebten innerhalb weniger Jahrzehnte zweimal die Gleichschaltung zentraler und kommunaler Behörden, Parteidiktatur, die Zentralisierung der Wirtschaft, die Entfernung aller illoyalen Amtsträger und die eingeforderte ideologische Zuverlässigkeit. Beamte wurden durch Vergabe von Posten, Dekorierungen und politischen Druck korrumpiert und zu Werkzeugen des NS-Systems geformt.

Die faschistische Ideologie entwickelte eine unwissenschaftliche Bewertung der Erbanlagen, die dem Schutz vor „Volksentartung“ dienen sollte. Es bestand die Utopie einer durch genetische Homogenisierung krankheitsfreien Gesellschaft. Die Durchführung von Sterilisationen bei Erkrankungen, zumal ohne wissenschaftlich gesicherte Erblichkeit, wurde ohne Einwilligung der Betroffenen und unter Missachtung des Individuums gesetzlich verordnet. Von Gesetzes wegen verstieß man gegen Grundsätze der Menschlichkeit. Ziel war die Sicherung des Bestandes der im deutschen Volke „führenden, kulturschöpfend höchstwertigen Rasse“. Sterilisation und Mord (z.B. T 4-Aktion) wurden auch in Sachsen (z.B. Pirna-Sonnenstein) zur Realität. Kulturerhalt durch Sterilisation und Tötung wurde zur Staatsdoktrin.

Der faschistische Überwachungsstaat stützte sich auf eine große Denunzierbereitschaft der Bevölkerung. Die Beteiligung hieran war auch in Sachsen ein Massenphänomen. Dabei muss man wissen, dass es ein Merkmal totalitärer Regime ist, dass deren Führer immer mehr Teile der eigenen Bevölkerung zu Staatsfeinden erklären (so geschehen im NS-Staat, der Sowjetunion und der DDR).

Insbesondere nach dem am 9. November 1938 offen zutage getretenen Antisemitismus ist der zu beobachtende Abbau elementarer moralischer Hemmschwellen vieler Deutscher schwer zu begreifen. Verfolgt wurden in der NS-Diktatur staatsfeindliche Äußerungen, Verstöße gegen die Nürnberger Rassengesetze, Juden, Sinti, Roma, evangelische und katholische Christen, Zeugen Jehovas, Homosexuelle, Alkoholiker, Bettler, Vagabunden, Asoziale, Fremdarbeiter, Rundfunkverbrecher (Hörer von Feindsendern), Wehrkraftzersetzer und andere. NS-Dienststellen setzten sich über Recht und Gesetz hinweg und missachteten selbst die Gerichte, obgleich diese auf der Basis der NS-Gesetze urteilten.

Es ist eine Ironie der Geschichte, dass der brutale Faschist und Gauleiter Mutschmann (abgesehen von der strittigen Frage der Todesstrafe) – menschlich gesehen – seiner vermeintlich gerechten Strafe nicht entging. Er wurde durch Sicherheitsorgane eines ebenso diktatorischen und menschenverachtenden Regimes ohne Gerichtsurteil in der Lubjanka erschossen.

Nach dem unter König Friedrich August III. und während der Weimarer Republik roten Sachsen gefiel sich dieses später im braunen Gewande. Unter der Herrschaft der sowjetischen und deutschen Moskau-treuen Kommunisten wurde Sachsen nach Ende des 2. Weltkrieges in eine neue rote Hülle gekleidet und in Berlin scherzhaft als fünfte Besatzungsmacht bezeichnet.

Seit der politischen Wende und der deutschen Vereinigung 1989/90 bekamen Sachsen und die Sachsen die reale Chance einer demokratischen Entwicklung, die es zu erhalten und zu stabilisieren gilt.

1933-1989, 56 Jahre unterschiedlicher, aber wirkungsgleicher Diktaturen sollten für alle Sachsen und Deutschen ausreichende Immunität gegen die Flötentöne künftiger Rattenfänger erzeugt haben.

Clemens Vollnhals: "Sachsen in der NS-Zeit"
Gustav-Kiepenheuer-Verlag Leipzig, gebunden, 17,00 Euro.
Diese Besprechung schrieb Dr. med. Egbert Scharfe.