Andreas KuhlmannPolitik

Alexander Fest

"Politik des Lebens - Politik des Sterbens" ist ein lesenswertes Buch für jeden, der sich über die Ethik des Lebens und Sterbens unter den heutigen Bedingungen des gesellschaftlichen Lebens und in Anbetracht der Segnungen und Gefahren moderner Medizintechnik und Biomedizin Gedanken macht.

In umfassender und sachlicher Darstellung werden alle Entwicklungsabschnitte des Menschen: Entstehung und Geburt, Lern- und Leistungsphase, Sterben und Tod mit ihrer Problematik dargestellt.

Die Vielzahl differenter ethischer, ethnischer, politischer und religiöser Anschauungen und Traditionen und deren Vertretung durch unterschiedlichste Interessenverbände erfordert im Sinne gesellschaftlichen Friedens von der Politik die Schaffung verfassungsrechtlicher und gesetzlicher Kompromisse, die von der Mehrheit der gesellschaftlichen Gruppierungen akzeptiert und getragen werden, und das unter besonderer Berücksichtigung von Minderheiten.

Die Wahrung der Würde des Menschen lt. Grundgesetz vom embryonalen Stadium bis zum Tod und das Verbot der Tötung entspr. Strafgesetzbuch (Verbot der aktiven Sterbehilfe) werden durch die Entwicklung der Biomedizin auf der einen Seite und Forderungen der Ethik auf der anderen Seite an ihren Grenzen in Frage gestellt und sind doch mit der Verbindlichkeit geltenden Rechts im Einklang zu halten.

Der Politik erwächst daraus immer wieder neu die Zielforderung, für die jeweilige Fragestellung einen gesellschaftlichen Konsens zu erarbeiten.

Festschreibungen durch politische Gremien, deren Vertreter partiell weder über fundierte medizinische, juristische, noch philosophische oder theologische Kenntnisse verfügen, sind sicher bzgl. Entscheidungen über gravierende Fragen des Lebens (z.B. Reproduktionsmedizin, Präimplantationsdiagnostik) und Sterbens (z.B. Sterbehilfe, apparative Medizin, Organspende) überfordert und geraten an Grenzen der Entscheidungsfähigkeit.

Nach einem abgeschlossenen Berufsleben als Arzt und Klinikchef kenne ich trotz besten Willens und hervorragender menschlicher und fachlicher Qualifikation der jeweiligen Partner die Schwierigkeiten, in problematischen Fragen einen von allen Seiten unterstützten Konsens zu erzielen. Umso mehr begreift der Leser, dass ein gesetzgebendes Gremium, das sich aus Vertretern unterschiedlichster Parteien zusammensetzt, bei der Abfassung von das menschliche Leben in gravierender Weise berührenden Gesetzesgrundlagen vor fast nicht lösbare Aufgaben gestellt wird.

Und doch müssen Lösungen gefunden werden, die ein gesellschaftliches Miteinander ermöglichen. Das ist das Problem der Politiker.

Es sind Grundregularien aufzustellen, die dem Bürger innerhalb der juristischen Möglichkeiten eine möglichst freie Entscheidung garantieren und dabei das Leben grundsätzlich schützen. Die Schwierigkeit besteht bei der Vielzahl der Meinungen darin, politisch wertneutrale Entscheidungen zu treffen.

Bei allem Fortschreiten des biologischen, medizinischen und technischen Wissens sollte bedacht werden, dass die Wissenschaft nicht den optimierten, immer gesunden Menschen erzeugen kann und soll. Mit dem Auftreten neuer Krankheiten, der verbesserten Erkennbarkeit von Schäden, mit Unfällen und schließlich dem Tod muss auch künftig gerechnet werden. Das Memento mori bleibt bestehen.

Die Entwicklung der Medizin bzw. Biowissenschaften zwingt zur Güterabwägung, da einerseits begrüßenswerte Fortschritte erzielt, andererseits aber die Gefahr des Missbrauchs der Forschungsergebnisse erwartet werden können. High-Tech-Medizin zur Verbesserung der Lebensqualität, ggf. auch Lebensverlängerung ist zu begrüßen, jedoch nur unter Ausschluss ihrer Verselbständigung und vordergründiger Erfüllung materieller und wirtschaftlicher Interessen.

Die Vielfalt der Problematik des menschlichen Lebens und die Schwierigkeit deren politischer Lösbarkeit dem Leser bewusst zu machen, ist das Verdienst des Autors.

Andreas Kuhlmann: "Politik"
Alexander Fest, gebunden, 17,90 Euro.
Diese Besprechung schrieb Dr. med. Egbert Scharfe.