Stephan BaierOtto von Habsburg

Amalthea

Wer sich für die neuere europäische Geschichte interessiert, wird die Biographie des österreichischen Kaisersohnes Otto von Habsburg mit Gewinn lesen.

Otto, der am Ende der Herrschaft der Habsburger Monarchie 6 Jahre alt war, setzt sich nach strenger Erziehung mit hoher Selbstdisziplin und festem religiösen Halt – überwiegend im Exil – zunächst vorzugsweise für einen Zusammenhalt des Donauraumes ein. Diese politische Haltung entspricht einer österreichichen-habsburgischen Sicht.

Die Naziherrschaft und das Nachkriegseuropa verlagern seine Blickrichtung hin zu einem geeinten, christlich fundierten Europa. Dabei beweist er klaren Durchblick, verbunden mit real begründeten Zukunftsvisionen.

Er befasst sich konsequent und tiefgründig mit der Materie. So hat er zum Beispiel Hitlers „Mein Kampf“ nicht nur gekauft, sondern auch gelesen. Im Rückblick sagt er: „Man musste blind sein, um nicht zu sehen, was da kommt.“

Nach der Besetzung Österreichs nimmt er Kontakt auf zur Paneuropa-Union, deren Vorsitzender er 34 Jahre später wird.

Die Ränkespiele Italiens unter Mussolini und die Kollaboration der Vichy-Regierung unter Marschall Petain vertreiben Otto aus dem von Deutschland beherrschten Gebiet. Interessant, dass ausgerechnet Diplomaten aus den faschistischen Staaten Spanien und Portugal österreichischen Flüchtlingen Aus- und Durchreisevisa erteilen.

Ottos unermüdliche Bemühungen erzielen eine Willenserklärung der Alliierten, die Unabhängigkeit Österreichs zu garantieren und den sowjetischen Einfluss auf das eroberte Österreich zu begrenzen. Dadurch bleibt dem Land die Zugehörigkeit zum Ostblock erspart.

In seinem ersten Buch „Entscheidung um Europa“ führt er ein leidenschaftliches Plädoyer für die paneuropäische Idee, die Suche der Identität Europas und nach Perspektiven für den Donauraum.

Otto geht mit vielen zeitgenössischen Politikern hart ins Gericht. Er ist als Privatmann nicht den zahlreichen Zwängen Offizieller unterworfen, daher auch nicht in gleicher Weise zu Kompromissen und Rücksichtnahmen gezwungen.

Der jüdische Publizist William S. Schlamm schreibt 1977: „In Otto von Habsburg hat Europa den einzigen privaten Staatsmann, dem es vertrauen kann.“

Viele der modern sich wähnenden Parteipolitiker verstehen Politik als Machtanspruch oder Karriere, nicht als Dienst. Die unzähligen Querelen zwischen Otto von Habsburg und den österreichischen Partei- und Staatspolitikern sowie den pedantische Tagebuchwiedergabe werden nicht jeden Leser fesseln, sie beweisen aber das äußerst aktive politische Leben des Habsburgers, ab 1979 als deutscher Abgeordneter im Europaparlament.

Noch 1971, 53 Jahre nach der Vertreibung des Kaiserpaares, wird Ottos Mutter Zita, der Kaiserwitwe, die Einreise nach Österreich zum Begräbnis der Tochter verweigert. Erst 1982, 90-jährig, darf sie Österreich besuchen.

Aus heutiger Sicht und als Außenstehendem erscheint die langanhaltende monarchophobische Politik Österreichs nicht nachvollziehbar.

Natürlich zieht die monarchische Bewegung eine moderne, konstitutionelle Monarchie mit kontinuierlicher Staatsrepräsentanz einer republikanischen Staatsform vor.

Rückblickend auf die Geschichte scheint es tatsächlich so, dass Kriege und Revolutionen in den meisten Fällen die Menschlichkeit nicht weitergebracht haben.

Selbst die idealisierte französische Revolution führte neben einem Blutbad zu neuen Gewaltherrschaften (Napoleon I., Napoleon III.) und Kriegen mit verheerenden Folgen, ganz zu schweigen von der Oktoberrevolution in Russland mit katastrophalen Auswirkungen auf die ganze Welt.

Otto von Habsburg zeichnet sich aus durch politische Weitsicht, insbesondere hinsichtlich des Verfalls des Kommunismus und die europäische Einigung.

Wenn ich bedenke, dass ich persönlich noch während der Gymnasialzeit von Mitschülern und Lehrern ausgelacht wurde, als ich von der Vision der vereinigten Staaten Europas sprach, so wird klar, welchen Wandel wir in den letzten 50 Jahren erlebt haben.

Hierzu hat Otto von Habsburg mit Sicherheit wesentlich beigetragen.

Stephan Baier: "Otto von Habsburg"
Amalthea, gebunden, 34,90 Euro.
Diese Besprechung schrieb Dr. Egbert Scharfe.