Wolf WagnerKulturschock Nr. 2

Rotbuch

Wolf Wagners „Kulturschock“ Nr. 1 habe damals ich nicht gelesen.

Die Vorgängerlektüre des „Kulturschocks Nr. 2“ war allerdings Hans-Joachim Maaz’ „Gefühlsstau“. Ein Bändchen, in Outfit und Format dem Wagnerschen sehr ähnlich, selbst der Titel, bestehend aus einem provokativen Schlagwort, drängt Vergleiche einfach auf.

Zumal Maaz der Klassiker der Ost-West-Wendeliteratur ist und von Wagner mehrfach erwähnt und verarbeitet wird.

Wobei Wagner kritisiert, dass Maaz uns im Osten alle für psychisch kaputt, mindestens aber für einseitig entwickelt und ohne wirklichen Kontakt zu uns selbst hält. Eine These, an der ich nichts verwerfliches finde, sondern die ich aus meiner DDR-Vergangenheit heraus bestätigen muss. Auch bringt sie Maaz uns Betroffenen zurückhaltend-freundlich sympathisierend nahe, wie es von seinem Berufsstand zu erwarten stünde.

Erst einige Jahre nach der „Wende“ konnte ich ernsthaft darangehen, diesen Kontakt zu mir selbst herzustellen, der in der gesamtdeutschen Nachwendegesellschaft immer noch so unüblich ist wie in der Alt-BRD oder im real existierenden Sozialismus.

Vielschichtigkeit im Menschen existiert bei Wagner allerdings kaum. Alles ist Oberfläche, dreht sich um Erscheinungsformen: der Wessi mit schwarzen Hut und rotem Schal, die Gewohnheit des Händeschüttelns, sprachliche Gender-Korrektheit. Sicher alles Indizien für das Innenleben der Individuen, die im Grunde die Qualität einer Gesellschaft ausmachen. Die sich letzten Endes in ihrer Kultur zeigt. Kultur, die aber mehr ist als die Einordnungsmöglichkeit in von Wagner beschriftete Schubladen namens „Elite“ oder „Avantgarde“. Mehr als Weltanschauungen, die sich auf der schmalen Ebene der politischen Parteienlandschaft definieren lassen.

Auf dieser eben lässt sich ein wirklicher Kulturschock vermuten, der mich persönlich sowohl Alt-DDR als auch Neu-BRD-Gesellschaft als eine menschlichen Wurzeln entfremdete Theorienblase erleben lässt.

Zu solcherlei Schlußfolgerungen gelange ich u.a. als bekennende Freundin einer durchaus radikal-feministischen und sehr bodenständigen Angelika Aliti („Mama ante portas“) und mag so meinen Maaz. Er stellt die Gefühle aller geschockten unabhängig vom Geschlecht vom Kopf auf die Füße. Bei ihm fühle ich mich gut aufgehoben und gewappnet für ein selbstbestimmtes Leben in einem wie auch immer äußerlich zurechtgemachten Land.

Dabei helfen eben Wagnersche Diagramme nicht weiter. Die Schlussfolgerungen aus ihnen beginnen am Ende interessant zu werden und enden abrupt. Wenn die Jungen aufsteigen könnten, wie es ihren Fähigkeiten entspricht und (im Westen?) üblich ist, dann hätten wir die die Gesellschaft gefährdenden zunehmenden Links- und rechtsextremistischen Tendenzen nicht! Wie jetzt?! Das war’s?!

Fast mögen mir die Extremisten sympathisch erscheinen – ebenso wie die in Wagners Diagrammen am Rande auftauchenden „Ausgestoßenen“. Denn alle anderen sind ohnehin pausenlos damit beschäftigt, sich gegenseitig nachzuahmen und dabei unabhängig von ihrer inneren Befindlichkeit dem ewigen Prinzip des unverrückbar im Mittelpunkt eines jeden Daseins stehenden Aufstiegs zu huldigen!

Wolf Wagner: "Kulturschock Nr. 2"
Rotbuch, gebunden, 12,70 Euro.
Diese Besprechung schrieb Ute Kludig-Hempel.