Amnon RubinsteinGeschichte des Zionismus

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Als ich 1938 als kleiner Junge mit meiner Mutter vor den Trümmern der Synagoge meiner Heimatstadt stand und nicht begreifen konnte, daß die angerückte Feuerwehr nicht eingreifen durfte, gab es noch kein Auschwitz.

Als in den vierziger Jahren die Menschen mit dem gelben Stern auf den Straßen ímmer seltener wurden und wir sie eigentlich nicht grüßen sollten, und schon gar nicht mit dem zu "Heitler" geschrumpften Heil-Hitler-Gruß, wußte ich noch nichts von Zionismus.

Die Bedeutung der Vorgänge im vom römischen Kaiser Hadrian nach dem Bar-Kochba-Aufstand im Jahre 135 in Philistaia umbenannten Lande der Philister, dem späteren Palästina, grub sich im wesentlichen erst nach der Staatsgründung Israels 1948 und insbesondere nach dem Sechstagekrieg von 1967 und dem Jom-Kippurt-Krieg von 1973 in unser Bewusstsein ein.

Bereits 1896 hatte Theodor Herzl die Vision eines Judenstaates, die er auf dem ersten Zionistenkongreß 1897 in Basel vortrug. Im gleichen Jahr fixierte er die fast prophetische Voraussage, daß in spätestens 50 Jahren ein jüdischer Staat existieren werde, und verfehlte die Terminierung nur um ein Jahr!

Für Außenstehende erscheint die Geschichte des Zionismus als ein schwer zu erfassendes Geschehen. Vielleicht sollte man der Empfehlung in der Einleitung von Arthur Hertzberg nachkommen, das Buch mit großer Sorgfalt ein zweites Mal zu lesen.

Die Geschichte der Diaspora des jüdischen Volkes begann mit der ägyptischen Bevormundung (Exodus, 2. Buch Mose) und der babylonischen Gefangenschaft (Psalm 137) und kulminierte in der Vertreibung aus Jerusalem nach der Zerstörung der Stadt und des zweiten Tempels durch Titus im Jahre 70.

Auch nach fast 2000 Jahren wurden die Bürger jüdischer Herkunft, vorwiegend in den christlichen Ländern der westlichen Welt, trotz Assimilation und Identifikation mit dem Patriotismus der europäischen Heimatländer sowie Massenkonversion zum Christenrum gedemütigt und verschmäht oder anderweitig verfolgt.

Da den Juden der Eintritt in die europäische Welt über den Weg der Emanzipation und Toleranz verwehrt blieb, enstand der zionistische Gedanke, in dem kanaanäischen Heimatland, dem Eretz Israel, einen jüdischen Staat zu gründen, der auf nationaler und souveräner Gleichheit im Verhältnis zu den Staaten Europas beruht.

Rubinstein schildert die unterschiedlichen Vorstellungen der Ost- und Westjuden, der säkularen und othodoxen Kräfte. Das Problem des Zionismus bestand in der Schaffung einer nationalen Identität einer durch Religion doninierten Gesellschaft, letztlich in der Berufung auf die Einheit von Nationalität und Religion als unteilbarem Wesen des Judentums.

Es resultierte eine Symbiose der religiösen Zionisten, welche die Rückkehr ins Heilige Land als religiöses Gebot betrachteten und der nichtreligiösen Zionisten, da auch diese Träger dieser Gebote waren und den Galubenssatz - die Einsammlung der Zerstreuten - erfüllten.

Nach Balfour-Deklaration zugunsten der Juden von 1917 und späterer britischer Schaukelpolitik gegenüber Juden und Arabern spitzte sich die Problematik der europäischen Juden durch den faschistischen und später auch den stalinistischen antisemitischen Terror in einem ungeahnten Maße zu.

Es wäre zu wünschen gewesen, es hätten mehr Menschen Hitlers "Mein Kampf" rechtzeitig gelesen. Dann wäre vielen die mörderische Planung des tausendjährigen Reiches vieleicht klar geworden.

Der Holocaust und die Entstehung Israels ließen die Richtungsstreitigkeiten der verschiedenen zionistischen Bewegungen vergessen.

Während Herzl durch jüdische Immigranten eine neue Gesellschaft von Juden und Arabern anstrebte, in der die verschiedenen Volksgruppen das historische Vaterland zur Blüte bringen, wuchs nach der Balfour-Deklaration der arabische Wiederstand gegen die wachsende jüdische Präsenz.

Ende der zwanziger Jahre verstärkte sich der arabische Nationalismus mit dem Ziel, ganz Palästina als Teil eines arabisch-muslimischen Gebietes zu sehen. Die arabische Haltung verurteilte jegliche Versuche zur Zusammenarbeit, oder zum kulturellen Dialog zum Scheitern.

Nach dem 2. Weltkrieg verdoppelten die zionistischen Führer ihre Bemühungen, die geschlossenen Tore Palästinas zu öffnen und diejenigne zu retten, díe der Vernichtungsmaschinerie entkommen waren. Die Beteuerungen der Zionisten, die Juden wären nur in ihrem eigenen Land sicher, hatten sich bewahrheitet. Der Streit zwischen Zionisten und Nichtzionisten hatte ein Ende. Alle Konzepte eines binationalen Staates wurden verworfen.

Folgerichtig war der Sechstagekrieg ein Wendepunkt in der Geschichte Israels und des Zionismus, teils Rückkehr zu den religiösen Quellen des Judentums, auf jeden Fall aber nationalistisches Erwachen.

Einen nochmaligen Schub erhielt die Besinnung auf jüdische Tradition und Geschichte nach dem Jom-Kippur-Krieg.

Die Haltung der UNO gipfelte in der nicht nachvollziehbaren Resolution, die Zionismus mit Rassismus glaichsetzte. Die erneut zunehmenden antisemitistischen Tendenzen hatten neben vielen Staaten auch die UNO infiltriert.

Die ursprünglichen Ideen des Zionismus wurden durch die internationale Ablehnung Israels erschüttert.

Der Autor behandelt die Position des Antizionismus und Postzionismus und kommt zu dem Schluß, daß von den vielen Gegnern des Zionismus keiner überlebt hat.

Zionismus ist eine der Bewegungen, die jüdischen Nationalismus zum Ausdruck brachten und kulturelle und persönliche Autonomie für die Juden innerhalb ihrer Heimatländer forderten. Juden, die jüdisch bleiben wollen und die wollen, daß ihre Kinder jüdisch bleiben, haben zwei Möglichkeiten, diesen Wunsch zum Ausdruck bringen: entweder durch ihre Treue zur halachischen, das bedeutet Talmund-gebundenen, Kultur oder durch ihre Verbundenheit mit Israel.

Für diejenigen Juden, die bleiben möchten, haben der Staat Israel in der nationalen Version oder das das Heilige Land in der orthodoxen Version eine zentrale Anziehungskraft.

Seine Erfüllung fände der Zionismus in einem Frieden und Kompromiß mit der arabisch-muslimischen Welt.

Die Lektüre der "Geschichte der Zionismus" ist allen zu empfehlen, die an der geschichte und Problematik des Judentums und der palästinisch-israelischen Region interessiert sind.

Kenntnisse des Alten Testamentes und der europäischen Geschichte sind vorteilhaft für das Verständnis des Zionismus, könnten aber auch jederzeit nachgeholt werden.

Amnon Rubinstein: "Geschichte des Zionismus"
DTV, gebunden, 19,50 Euro.
Diese Besprechung schrieb Dr. med. Egbert Scharfe.