Paul RaabeFrancke

Arche

"Die auf den Herren harren, kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler." Dieser Jesaja-Vers findet sich im Tympanon über dem Portal des Hauptgebäudes der Franckeschen Stiftungen zu Halle an der Saale. Ihn konnte ich von der gegenüberliegenden elterlichen Wohnung täglich lesen und mir einprägen.

Die Stiftungen wurden 1698 durch August Hermann Francke als pietistische Erziehungsanstalt in "Glaucha an Halle" gegründet. Dies geschah unter der Regentschaft des Kurfürsten Friedrich III. von Brandenburg, des späteren Königs Friedrich I. von Preußen, der vier Jahre zuvor die Universität Halle gegründet hatte. Es zeugt von der Weitsicht des brandenburgisch-preußischen Monarchen, dass er die Schaffung der Stiftungen Franckes mit Privilegien, u.a. Steuerfreiheit ausstattete.

Einen ähnlichen Rechtsstatus schuf mit Klugheit das Vereinsrecht des Deutschen Reiches von 1896. Im sozialistischen Staatswesen DDR gab es keine Legitimation für selbständige Vereine, wodurch die spontane Initiative bürgerlicher Interessengruppen erstickt wurde. Nur was staatlich verordnet und reglementiert war, durfte bestehen.

Als Schüler der ehemaligen Latina bzw. Lateinischen Hauptschule konnte ich ab 1944 die Entwicklung der Franckeschen Stiftungen verfolgen. Nach Evakuierung der Schule, danach Bombenangriffen auf Halle mit partieller Zerstörung der Latina Anfang 1945 und Besetzung durch zunächst amerikanische, später sowjetische Truppen, begann unser Nachkriegsunterricht in den ehemaligen Waisenanstalten. Der Lindenhof war unser Schulhof.

In den folgenden Jahren kam es zu einem allmählichen und unaufhaltsamen Verfall der Stiftungsgebäude, der in der allgemeinen Ruinierung der städtischen Bausubstanz den Bürgern gar nicht so recht bewusst wurde. Die Politideologen bestrebten parallel dazu den geistigen Ruin der Stiftungstraditionen.

Da wir Schüler des humanistischen Gymnasiums uns nicht ausreichend angepasst zeigten, schrieb die Lokalpresse vom "alten Geist in alten Mauern". Die zum Abitur übliche, von der Schülerschaft organisierte Abschlussfeier vor dem von Christian Daniel Rauchfuß geschaffenen Francke-Denkmal durfte nicht mehr von dem Lied: "Nun danket alle Gott..." umrahmt werden. August Hermann Francke schien kläglich auf die ruinöse Umgebung zu blicken. Diese Entwicklung geschah unter dem Motto: "Ruinen schaffen ohne Waffen."

Die "alten Mauern", d.h. die Waisenhausmauer, wurde schließlich geschleift. Der Bau der Hochstraße lieferte das Alibi.

Durch strukturelle Veränderungen, z.B. den Aufbau der Arbeiter- und Bauernfakultät als sozialistischer Kaderschmiede versuchte man nun, auch den "alten Geist" abzutöten.

Paul Raabe schildert die Rettung und den schwierigen, nervenzehrenden Wiederaufbau der Franckeschen Stiftungen als eines geistig-kulturellen Welterbes, das im Nichts zu versinken drohte. Mit Optimismus und akribischer Kleinarbeit konnten er und zahlreiche begeisterte Mitstreiter und Sponsoren dem Verfall Einhalt gebieten und das Stiftungsareal mit seinen unersetzlichen Schätzen der Nachwelt erhalten, allen Querelen, allem Unverständnis und aller Kleinkrämerei von Personen und Behörden zum Trotz.

Es scheint sich dabei die Gültigkeit des Jesaja-Wortes: "Die auf den Herren harren..." zu bestätigen.

Erforderlich bleiben jedoch grundsätzlich auch weiterhin langfristige Investitionen in die Erhaltung, Sicherung und Nutzung der geistig-kulturellen Güter, nicht die vordergründige Förderung einer ohne bleibende Werte auskommenden kurzlebigen Spaßkultur.

Die aus Leipzig bzw. Kamenz gebürtigen Sachsen Leibnitz und Lessing leiteten einst die herzogliche Bibliothek in Wolfenbüttel. Es ist geradezu ein Symbol deutscher Einheit, dass Paul Raabe als Leiter derselben Bibliothek jetzt dem ehemals provinzsächsischen Halle seinen Einsatz widmete.

Der Leser wird dem Autor und allen Beteiligten dankbar sein, dass Menschen aus persönlichem Verantwortungsbewusstsein und ohne Eigennutz ihre Fähigkeiten und ihren Fleiß dafür einsetzen, dass insbesondere in den Sozialismus-geschädigten neuen Bundesländern und Berlin Leuchttürme unseres kulturellen Erbes in einer sich materialisierenden Welt erhalten bzw. geschaffen werden, die das Leben des geistig interessierten und denkenden Bürgers bereichern.

Die Franckeschen Stiftungen in Halle sind ein solcher Leuchtturm.

Paul Raabe: "Francke"
Arche, gebunden, 22,00 Euro.
Diese Besprechung schrieb Dr. med. Egbert Scharfe.