Helmut KohlErinnerungen 1930-1982

Droemer/Knaur

Eine Autobiographie von einem Politiker, und dann noch vom Kanzler der Republik? Ein Stöhnen lässt sich nicht unterdrücken, erwartet man doch endlose Selbstbeweihräucherung, Rechtfertigung, Klitterung vielleicht. Und vor allem trockensten Stoff.

Wer sich dennoch daran wagt, wird sich wundern. Da berichtet einer aus sehr persönlicher und durchaus altersweise ironischer, selbstkritischer Sicht, wie die Bundesrepublik entstand und sich entwickelt hat. Es stört nicht, dass die eigene Rolle des Ich-Erzählers an Bedeutung zunimmt und er mehr und mehr zum Motor und - was er auch zugibt - manchmal auch Verhinderer der Entwicklung wird. Natürlich ist eine solche Erinnerung subjektiv, aber sie bleibt schlicht und damit sehr leicht lesbar.

Vor allem lesen wir dort nicht nur von tollen Erfolgen, sondern auch von Misserfolgen, von ärgerlichen Schlappen und von Hilflosigkeit und Scham z. B. angesichts der Erpressbarkeit, in die sich der Staat gegenüber den Terroristen der RAF gebracht hatte.

Die Erinnerungen von Helmut Kohl sind ein wichtiges und interessantes Zeitdokument, das vor allem diejenigen fesselt, die selbst diese Zeit miterlebt haben. Aber auch den Jüngeren bringt es das Werden und Bangen der Bundesrepublik näher. Man mag es fast nicht glauben: eine spannende Lektüre.

Helmut Kohl: "Erinnerungen 1930-1982"
Droemer/Knaur, gebunden, 28,00 Euro.
Diese Besprechung schrieb Jörn Erler.