Wassili PeskowDie Vergessenen der Taiga

Goldmann Verlag

Anfang der achtziger Jahre wirbelte eine Sensationsmeldung durch die sowjetischen Medien: Während der Suche nach Rohstofflagerstätten stießen russische Geologen mitten in der unwegsamen Taiga auf ein Stück kultiviertes Land. Hier, mehr als 200 Kilometer von der nächsten Siedlung entfernt, hatten sich Menschen niedergelassen. Ohne Hilfe von außen lebte die Familie Lykow schon seit vielen Jahrzehnten freiwillig in der Wildnis. Doch was bewog diese Menschen, so zurückgezogen dem rauhen sibirischen Klima zu widerstehen und auf jeglichen zivilisatorischen Luxus zu verzichten?

Die Antwort auf diese Frage ist in ihrer Religion zu suchen. Als Altgläubige orientierten sich die Lykows an einer orthodoxen Auslegung des christlichen Glaubens getreu dem geistlichen Leben vor der russischen Kirchenreform. Die sich immer schneller ändernden Lebensgepflogenheiten in der Sowjetunion stellten jedoch für die Ausübung ihrer Religion ein großes Hindernis dar. Die streng ihren Glauben Befolgenden wichen der modernen Welt, die für sie zu viel Sünde, Verführung und Falschheit bereithielt. Nur die Taiga bot die Möglichkeit, sich wieder voll und ganz der Religion hinzugeben.

Für die Lykows besteht der kurze Sommer aus harter Arbeit, denn es müssen Vorräte für die lange, kalte Jahreszeit angelegt werden. Kleine Fehler, Müßiggang und Nachlässigkeit werden in der Taiga hart bestraft. Ständig müssen mühsam angelegte Vorräte gegen die Launen der Natur verteidigt werden.

Wassili Peskow, Journalist bei der "Komsomolskaja Prawda" faßt mit "Die Vergessenen der Taiga" all seine bei dieser Zeitung erschienenen Berichte über die Lykows in Buchform zusammen. Über Glaubensfragen diskutiert der Autor nur am Rande. Im Mittelpunkt seines Buches steht vielmehr die Dokumentation des ständigen Überlebenskampfes. Anhand vieler Details wird der Blick auf den entbehrungsreichen Alltag in der Wildnis gerichtet. So wird dem Leser der Wert des Salzes, die Unverzichtbarkeit von Zirbelkiefernsamen und die Vielseitigkeit von Hanf verdeutlicht.

Interessant ist Peskows Beschreibung seiner Beziehung zu den Einsiedlern. Diese verhalten sich gegenüber dem Vertreter des "weltlichen Lebens" zunächst sehr mißtrauisch und zurückhaltend. Nur langsam entsteht Vertrauen. Stück für Stück öffnen sich die Altgläubigen dem Autor. Dennoch bleiben einige Fragen unbeantwortet. Ihr strenger Glaube verbietet den Lykows, viele nützliche Geschenke anzunehmen. So werden nur nach langer Diskussion Streichhölzer akzeptiert. Wieder läßt sich Konflikt zwischen den Vorzügen der Zivilisation und ihrer Religion erkennen.

Eindrucksvoll beleuchtet Peskow am Beispiel der Familie Lykow die vom Leben in der Welt des 20. Jahrhunderts völlig abweichenden Ansichten und Inhalte einer nur auf Überleben ausgerichteten Lebensweise. Sich auf das Allernotwendigste beschränkend, verdeutlicht das Lykow`sche Leben das gesamte Ausmaß des Überflusses in einer modernen Zivilisation.

Selbst dokumentierend und wenig kommentierend läßt der Autor dieses Buches die Einsiedler zu Wort kommen. Ein Teil ihrer aus der sibirischen Einsamkeit kommenden Kritik an zivilisatorischen Übeln trifft genau ins Schwarze, denn die in vermeintlicher Rückständigkeit Lebenden orientieren sich an den wesentlichen Dingen des Lebens. Luxus und zivilisatorischer Schnickschnack haben in der Taiga jedenfalls keinen Bestand.

Wassili Peskow: "Die Vergessenen der Taiga"
Goldmann Verlag, gebunden, 8,50 Euro.
Diese Besprechung schrieb Stefan Gräfe.