Hans-Joachim MaazDer Gefühlsstau. Ein Psychogramm der DDR

Droemer Knaur

Wenn die höchste Qualität, die ein Buch erreichen kann, darin besteht, den Leser zu einer umfassenden Auseinandersetzung mit sich selbst, einem kritischen Hinterfragen der Motive seines Handelns zu zwingen, dann ist „Der Gefühlsstau“ von Hans-Joachim Maaz für mich unbedingt ein „Lieblingsbuch“.

Nun ist genau das auch zu erwarten, wenn ein Psychotherapeut ein Buch schreibt, möchte man sofort einwenden, aber Maaz’ Anspruch geht noch weiter, wie der Untertitel „Ein Psychogramm der DDR“ verrät.

Vor 13, 14 Jahren, gerade 19 Jahre alt und der Nationalen Volksarmee entronnen, schreckte mich der Aufkleber des Verlages „Pflichtlektüre für alle Deutschen in Ost und West“ einfach nur ab. Von Pflichten hatte ich jedenfalls genug.

Die jetzige Situation in Deutschland zeigt aber nur allzu deutlich, dass das Thema „DDR“ noch lange nicht aus den Köpfen der Menschen verschwunden ist. Politiker aus dem Westen wollen den „Jammerossis“ am liebsten polnische Gehälter (oder Renten, Herr Altbundeskanzler?) zahlen, abgehalfterte DDR-„Stars“ tummeln sich in billigen Ostalgieshows im Blauhemd und Pionierlieder gibt’s jetzt auf CD.

Doch ich frage jetzt nicht, wie sich bei diesem immer wieder gern gezeichneten Schwarz-Weiß-Bild eigentlich Frau Erler fühlt, als „Wessi“ und kulturelle Institution in Tharandt, oder ob mein nach Baden-Württemberg „ausgewanderter“ Bruder auch besser „Polenlohn“ beziehen sollte bzw. unserer Bekannter Isidor aus dem Ruhrgebiet, der in Dresden Websites entwirft. Was hinter der immer noch aktuellen Brisanz des Themas steckt, darüber sollte Herr Maaz vielleicht auch ein Buch schreiben. Was in der DDR los war, wie wir „verbogen“ wurden und uns auch mehr oder weniger freiwillig verbiegen ließen, dazu gibt es den „Gefühlsstau“.

Schonungslos und behutsam, eigentlich völlig widersprüchliche Attribute, beschreiben das Buch wohl am besten. Nie wird Maaz verletzend in dem Sinne, dass andere Menschen vor uns bloßgestellt werden: Aber immer wieder entreißt er uns Ex-DDR-Bürgern die Masken der Wohlanständigkeit, der Friedfertigkeit und der Machtlosigkeit gegenüber dem „stalinistischen“ Staat. Er beschreibt die vielseitigen Verdrängungsmechanismen, die hinter den verschiedenen sozialen Rollen der Machthaber, Karrieristen, aber auch der Mitläufer, Oppositionellen und Utopisten funktionierten. Er zeigt, wie den Menschen in der DDR von Geburt an seelisches Leid zugefügt und wie dieses in eben diesen Rollen kompensiert wurde.

Und er geht noch weiter: die Kapitel „Zur Psychologie der Wende“ und „Die psychischen Gefahren der Vereinigung“ beweisen anhand der Treffsicherheit ihrer Vorhersagen die besondere Qualität der Maaz’schen Analyse. Es ist schon fast beängstigend, wenn ein „gelernter DDR-Bürger“ ein Jahr nach dem Mauerfall eben die Probleme beschreibt, mit denen sich die Deutschen in Ost und West heute herumschlagen.

Ach so, unbedingt sollte noch die gute Lesbarkeit des Buches erwähnt werden. Und so ganz nebenbei erhält man einen Grundkurs in Psychologie ...

Hans-Joachim Maaz: "Der Gefühlsstau. Ein Psychogramm der DDR"
Droemer Knaur, gebunden, 26,70 Euro.
Diese Besprechung schrieb Kay Hempel.