Margarete BrunsDas Rätsel Farbe

Reclam

Das allgegenwärtige Fernsehen täuscht mit einer hypnotischen Farbenpracht darüber hinweg, dass es technisch bedingt nur einen Ausschnitt der wirklichen Farbenvielfalt bieten kann. Angesichts des Geschreis, das Farben in unserer Zeit in Werbung und Mode vollführen müssen, bringt uns die Autorin im wahrsten Sinne des Wortes Licht ins Dunkel mit ihrem gelungenen Versuch, das Thema Farben von allen Seiten zu beleuchten und diese in „Biographien“ vorzustellen (z.B. „Gold - dehnbare Steine, das Fleisch der Götter“; „ Purpur – der bewegte Beweger, - Pfirsichblüt und Taubennacken“; „ Schwarz – das unnahbare Licht“). Sie spürt der Fülle von Möglichkeiten nach, die im Erlebnis Farbe liegen, denn uns ist die archetypische Macht der Farben kaum noch bewusst; ihre Kraft haben die Farben jedoch keineswegs eingebüßt.

Was ist Farbe? Die Antwort erweist sich als ein Puzzle aller Fachgebiete...Farbe ist nur das, was wir sehen, wie immer es zustande gekommen ist. - Vergleichen kann man Farbe nicht mit Längen (auch nicht mit Wellenlängen!), Massen, Zeiten, sondern eben nur mit Farben - wir m e s s e n mit dem Auge, das sehende Auge antwortet. Das ägyptische Wort für Farbe bedeutet gleichzeitig „Charakter“ und „Wesen“.

Die Texte, pro Farbe wiederum übersichtlich gegliedert, geben ausführliche Antworten und regen zum weiteren Hinterfragen an.

Wie viele Farben hat der Regenbogen denn nun wirklich? Ist das allererste Stadium der Knospen und Blätter tatsächlich immer grün? Noch vor dem Maigrün erscheinen die Knospen und danach die winzigen ersten Blätter sehr vieler Pflanzen unverkennbar in Rot. Gelb ist d i e Farbe des Lichts ... es ignoriert Grenzen ... ist überdies jedoch mimosenhaft empfindlich, die geringste Trübung kann den festlichen Glanz ins Gallige verkehren. Rot ist, physikalisch gesehen, die Farbe mit der geringsten Energie, psychologisch verhält es sich jedoch genau umgekehrt. Überraschend, die enge Verwandtschaft von Purpur und Indigo. Schneckentier und Indigopflanze bauen ihren jeweiligen Farbstoff aus derselben biochemischen Substanz in demselben molekularen Grundgerüst auf, nur dass die Schnecke zwei zusätzliche Bromatome aus dem Meerwasser anfügt.

Das Malmittel ist ein lebendes Farbenwesen, von dem der Pinsel Stücke abreißt (Kandinsky). Farben werden vom Maler getötet oder auch lebend gelassen, zu höherem gesteigert (Emil Nolde). Auch wenn wir die manipulierenden Absichten von Farben erkennen, können wir uns nur schwer entziehen. Denn Farben w i r k e n und zwar umso stärker, je passiver wir ihnen gegenübertreten. Warum nicht einmal das Gegenteil versuchen: die Farben am Leben lassen, ihnen achtsam begegnen, um ein wortloses Gespräch mit ihnen beginnen zu können? Bei dieser kurzweiligen Lektüre mit zahlreichen weiterführenden Literaturhinweisen, Bildtafeln und einem Personenverzeichnis.

Margarete Bruns: "Das Rätsel Farbe"
Reclam, gebunden, 19,90 Euro.
Diese Besprechung schrieb Bärbel Kretschmer.