Ernst BuschAus dem Leben eines Musikers

Fischer (TB.)

In den als Erstauflage bereits 1949 erschienenen Erinnerungen des besonders den Dresdnern bekannten Opern-Generalmusikdirektors der Jahre 1922-1933 schildert Fritz Busch in lockerer, amüsant-besinnlicher, zum Teil selbstironischer Weise sein Leben.

Aus einer musikalisch begabten Familie stammend, entsetzte er den Vater mit einem absoluten Gehör. Er verschrieb sich der Liebe zur Musik und den Musikinstrumenten und spielte als Schüler bis zu seinem 17. Lebensjahr gemeinsam mit seiner Familie in Bauernkneipen zum Tanz, um das Haushaltsbudget aufzubessern. Seine unüberwindliche Liebe zur Musik teilte er mit seinem Vater und Bruder Adolf: „Von Musik konnten wir niemals genug bekommen“.

Viele Erfahrungen und Fertigkeiten gewann Fritz Busch in Kindheit und Jugend durch den ständigen spontanen und familiären Umgang mit der Musik und den verfügbaren Instrumenten. „Dass ich selber Dirigent werden wollte stand schon seit mehreren Jahren, lange bevor ich in das Konservatorium eingetreten war, für mich fest. Nicht dem Klavier, sondern der Vielfalt des Orchesters galt von jeher mein Interesse…Heute bin ich dem Schicksal dafür dankbar, dass ich in den Jahren, in denen der Mensch am aufnahmefähigsten ist, beinahe spielend und immer mit Lust und Freude Gelegenheit hatte, durch vielseitiges Kennenlernen der Musikliteratur einen unzerstörbaren Grund für meinen Lebensberuf zu legen.“

Nach Klavierstudien im Kölner Konservatorium wurde er mit 17 Jahren Dirigierschüler. „Dirigieren ist die Kunst, die man am wenigsten lernen kann, und das Wort vom ‚geborenen Dirigenten’ hat gewiss seine Berechtigung.“

Er lernte als Konservatorist die Sprache des Orchesters und die Psychologie der Musiker von Grund auf kennen. Bereits während seiner Ausbildung kam er im Gürzenich mit bedeutenden Dirigenten und Musikwerken seiner Zeit in Kontakt.

Nach seinem ersten, eigentlich seitens seines Lehrers unerwünschten Orchesterdirigates, wurde derselbe zu dem Ausruf: „Das ist der Dirigent der Zukunft!“ hingerissen.

Der Autor schildert, wie er durch Unternehmergeist und – wie man heute sagen würde – innovative Ideen die Position eines Fürstlichen Kapellmeisters in Bad Pyrmont erobert. Dass Busch in fröhlich-optimistischer Weise die Lichtseiten seines ereignisreichen Lebens schildert, bedeutet keineswegs, dass ihm die Schattenseiten des Daseins erspart geblieben wären. Unerfahren und vaterlandstreu, ohne politischen Durchblick, zieht er 1914 in den Krieg, den er bald von seiner schrecklichsten Seite kennen lernt. Ebenso bald lassen ihn persönliche Erfahrungen an den angeblich vaterländischen Interessen der Kriegsführer zweifeln: „Während des Krieges, in den ich gutgläubig, sogar begeistert gezogen war, hatte ich angefangen, über die Ursachen nachzudenken“.

Er überlebt den Krieg, und es folgen Verpflichtungen in Bad Pyrmont, Riga, Aachen und Stuttgart.

Busch schildert in liebenswürdiger Weise die Menschen seines Umfeldes und zeigt eine positive Lebenseinstellung unter Vermeidung der Wiedergabe unerfreulicher Umstände. Menschlich ist er ein Liberaler.

1920 übernimmt Busch die Sinfoniekonzerte der Dresdner Staatskapelle. Er schreibt: „Die Dresdner Staatskapelle genoss den unbestrittenen Ruf, eines der besten Orchester der Welt zu sein.“ Den Konflikt zwischen der Tätigkeit in seinem geliebten Stuttgart und der Anstellung als Generalmusikdirektor in Dresden 1922 entschied der Wunsch des Musikers, „statt wie bisher auf einer guten Tiroler Geige in Zukunft auf einer Stradivari zu spielen“. An anderer Stelle heißt es: „Rückhaltlose Bewunderung empfand ich…für die Selbstverständlichkeit, mit der Staat und Stadt in den härtesten Zeiten die Theater, denen kein Pfennig an privaten Mitteln zufloss, aufrecht erhielten.“ Sein Dank galt der Weimarer Republik, die treu an dem Schillerschen Begriff der Bühne als „moralische Anstalt“ festhielt. Nur mit Wehmut können wir uns heute – im Jahre 2003 – dieser Worte erinnern.

Einen fundamentalen Einschnitt in sein Leben und seine Musikerlaufbahn bedeutete der Faschismus. Vordem nicht politisch engagiert, hielt er es nach der freiwilligen Lektüre von Hitlers „Mein Kampf“ für seine Pflicht, die völlig amoralische neue Lehre so eindeutig wie möglich zu bekämpfen.

Anfang 1933 verstärkten sich die Schikanen der Nazis gegen ihn und seine Oper bis zur Vorausschau seiner physischen Vernichtung. Seine aufkeimende Ansicht, „dass ich besser tun würde, Dresden zu verlassen“, wurde offensichtlich auch von Hermann Göring geteilt.

Nach der gewaltsamen Vertreibung vom Dirigentenpult durch die SA und den ihm vorgelegten, von nazistischer Ideologie begründeten Anschuldigungen, lehnte er weiteres Dirigieren ab: „Keine macht der Welt hätte mich vermocht, hier den Stock wieder zu erheben. Auch ein Telegramm Hitlers an die Sächsische Regierung, das meine sofortige Wiedereinsetzung forderte, änderte daran nichts“. Missgünstige, ungebildete, parteitreue Personen in Dresden widersetzten sich sogar Hitlers Vorgaben.

Busch verlor seine Anstellung, rettete aber seine Ehre.

Zusammen mit seinem Kollegen Toscanini war Busch der Meinung, dass vermeintlich geschändete Ehre nichts bedeutet gegen die wahre Schande, dem Bösen zu dienen. Beide Dirigenten verzichteten auf das Angebot von Bayreuth.

Am 15. Juni 1933 verließ Fritz Busch Europa, um ein Angebot des Teatro Colon in Buenos Aires anzunehmen. In seinen lebensbestimmenden Entscheidungen wurde er von seiner Frau Grete kompromisslos unterstützt: „Coraggio, tesor mio!“ (Mut, mein Schatz!).

Aus dem Leben eines Musikers: Ein lesenswertes Buch eines begnadeten Künstlers, der die Höhen und Tiefen des vergangenen Jahrhunderts durchlebt und seine Ehre als Mensch bewahrt hat.

 

Ernst Busch: "Aus dem Leben eines Musikers"
Fischer (TB.), gebunden, 9,90 Euro.
Diese Besprechung schrieb Dr. med. Egbert Scharfe.