Gidon KremerZwischen Welten

Piper-Verlag

Der bedeutende Geiger Gidon Kremer kommt zu der für einen Musiker geradezu tragischen Feststellung: „Wir litten unter der Indoktrination. Die Regeln des Schweigens zur rechten Zeit gehörten zu den Dingen, die man uns schon in der Kindheit eingeimpft hatte…Musik bedeutete uns den Lebensinhalt.“

Ohnehin hatten es jüdische Künstler (z.B. Gilels, Oistrach, Bondarenko) in der Sowjetunion schwerer, Vertrauen zu gewinnen.

Kremer, in Riga geboren und deutsch- jüdischer Abstammung, hatte mit allen Varianten der sowjetischen Bevormundung zu kämpfen.

Der Psychoterror führte sogar dazu, dass Emigranten (z.B. Bondarenko) selbst in der „historischen Heimat“ Israel von alten Komplexen wie Angst und Vorsicht weiter verfolgt wurden.

Während seiner ersten Reise in das westliche Ausland musste Kremer selbst in Brüssel erkennen, dass er mit einem „Schatten“ konfrontiert wurde. Der KGB war allgegenwärtig.

Anlässlich einer Feierlichkeit auf dem Roten Platz entstand der Gedanke, nicht ein Teil der Masse sein zu wollen. Ein Künstler lebt von der Individualität.

„Der ideologische Terror und das GULAG- System als Basis sind als Instrumente der Unterdrückung unübertroffen gewesen. Es grenzt an ein Wunder, dass sich der Geist dennoch einen Überlebensraum sichern konnte.“

„Das Buch“, egal woher, war während des Eisernen Vorhangs buchstäblich geistige Nahrung.

Leben und Erscheinung bedeutender Künstler waren der lebende Beweis, wie einzelne Menschen sich einem ganzen System entgegenstellen konnten.

Die richtige Abstammung und die Loyalität dem Regime gegenüber gehörten zu den Voraussetzungen für Begünstigungen. Vor einer beantragten Auslandsreise wurde man einer Art Inquisition unterworfen.

Das Gefühl totaler Abhängigkeit und ständiger Unsicherheit sollte permanent wach gehalten werden – Ausdruck des unmenschlichen Charakters des Regimes. Geheimnisvolle Ermahnungen und Androhungen sowie Einmischung in die Privatsphäre im ZK der KPdSU

(Pjotr Abrassimow, später Botschafter in der DDR) wiesen hin auf verbreitetes Denunzianten-tum, das zu gegenseitigen Verdächtigungen und allgemeinem Vertrauensverlust führte.

„Nicht mein persönlicher Beitrag wird vom Staat erwartet, sondern meine Anpassung…Wie früher der russische Zar festlegte, was für das Volk gut oder schlecht sei, bestimmte das nun die Partei.“

Kremer schildert seinen Plan des Absprunges nach dem Westen, wobei er mit der Achterbahn seiner Gefühle unterschiedlichster Provenienz zu kämpfen hat.

Die öffentliche Gängelung förderte das Dissidententum.

„Denn meine Gedanken zerreisen die Schranken

und Mauern entzwei: die Gedanken sind frei!“

heißt es in einem alten deutschen Lied.

Die politischen Zwänge schufen einen „Musicus sowjeticus“, eine merkwürdige Gattung, die in der Retrospektive fast nur noch wie ein ferner Verwandter unserer heutigen menschlichen Spezies erscheint.

Eine Balance zwischen Anpassung und Ablehnung, ein Bündel von Doppelmoral, Unterwürfigkeit und Selbstschutz wurden zur Überlebensstrategie.

Der Musicus sowjeticus ist inzwischen von einer neuen Generation von Musikern abgelöst.

Sie wahren eine kritische Distanz zu den sowjetischen Traditionen, in denen sie aufgewachsen sind. Sie alle aber haben geistige Einstellungen und Verhaltensstandards gelernt, die mit dem Untergang des sowjetischen Regimes keineswegs verschwunden sind.

Diese Widersprüche dürften vielen ehemaligen DDR- Bürgern nicht unbekannt sein.

Auch der „Westen“ barg Enttäuschungen. Die gewohnte persönliche Ungezwungenheit wurde eingetauscht gegen die Unflexibilität im Tagesablauf im Westen.

„Mein im Sowjetstaat gelerntes Misstrauen stieß auf das stark verbreitete Misstrauen der Geschäftswelt. Diese Einsicht war für mich deprimierend.“

„Die Art und Weise des Werbens um mich (seitens der Manager) ähnelte den Gepflogenheiten auf einem Pferdemarkt.“

Als Musiker erfolgreich in der westlichen Hemisphäre und zugleich ein Wanderer zwischen zwei Welten bekannte er sich 1997 zu Lettland als seiner eigentlichen Heimat und gründete die Kremerata baltica.

Wenn auch die Lähmung des freien Geistes in Russland, wie Kremer schreibt, bis heute anhält, so kann man doch feststellen: Der Keim des Sowjetismus ist nicht aufgegangen!

Gidon Kremer: "Zwischen Welten"
Piper-Verlag, gebunden, 24,90 Euro.
Diese Besprechung schrieb Dr. Egbert Scharfe.