Gregor SanderWas gewesen wäre

Wallstein

Die noch unerfahrene, etwas tollpatschige Astrid verliebt sich in Julius. Ihre erste Liebe, die Julius stets nur mit einem "vielleicht" erwidert, verfolgt sie ihr ganzes Leben lang. Als dieselbe Astrid einige Jahrzehnte später mit ihrem neuen Partner in Budapest Urlaub macht und in demselben Hotel Gellert einkehrt, wo sie schon ihren ersten Ehemann mit Julius betrogen hatte, sind dort durch Zufall auch Julius und sein Bruder abgestiegen. Die Erzähl-Linien von damals und heute verweben sich immer mehr, bis am Ende alle gemeinsam an den Ort fahren, an dem Julius die Flucht aus der DDR gelungen war.

Der Roman ist flüssig geschrieben und schildert die Facetten des Erwachsenwerdens (das nie aufzuhören scheint) aus dem Blickwinkel von Astrid. Gerade als ich mich zu fragen begann, was eigentlich so erzählenswert an dem Liebesleben dieser Astrid sei, ließ der Autor eine kleine Kaskade platzen. Was bis dahin nach privater Kleinkatastrophe aussah, erscheint plötzlich nach dem Zusammenfall der DDR in einem anderen Licht. Eine Freundin wird als IM enttarnt, freie Handlungen und Zufälle entpuppen sich vor dem Hintergrund dieses Verrats als marionettenhaft gelenktes Theater. Hierdurch mausert sich der sehr angenehm und interessant zu lesende Roman zu einem Dokument, das uns viel über eine wichtige Epoche erzählt.

Gregor Sander: "Was gewesen wäre"
Wallstein, gebunden, 19,90.
Diese Besprechung schrieb Jörn Erler .