Ralf RothmannShakespeares Hühner

Suhrkamp

Einsamkeit kennt viele Gesichter: Eine junge Frau, dynamisch und erfolgreich, doch fremd geblieben im fremden Land, wo sie eine Zeitlang arbeitete, um ihrer Biografie den nötigen internationalen Touch zu verpassen. Eine Schülerin, jung, hübsch, aus reichem, doch offensichtlich nicht gutem Hause stammend und den Kick im Ladendiebstahl und im erotischen Abenteuer mit der Mitschülerin suchend, die sie von der Bühne des Schultheaters auf die erotische Probebühne des Lebens zieht. Ein Kind, begabt und verletzlich, von den Eltern gefördert und schon um die halbe Welt geschleppt, doch immer vergeblich auf der Suche nach einem richtigen Freund. Ein Mann, alt und sterbenskrank, aber geistig aktiv, sich verzweifelt an eine wissenschaftliche Aufgabe klammernd, deren Sinn in der eigenen Biografie verwurzelt scheint, doch erweist sich dies am Ende als katastrophaler Irrtum.

Die Stärke Ralf Rothmanns liegt in der Wahl seiner Themen. Dem Leser vertraut, scheinen sie zunächst alltäglich, bergen jedoch bereits das Unerhörte, Tragische, das sich schließlich schonungslos offenbart. Eindrucksvoll gelingt ihm die Darstellung der Schicksale dort, wo er seine Sprache in den Dienst seiner Figuren und deren Geschichte stellt, wo er präzise und doch Anteil nehmend beschreibt.

Wenn er jedoch besonders originell, besonders intelligent oder auch besonders cool wirken will, sich unvermittelt in lyrische Beschreibungen versteigt oder, völlig deplatziert, mit Fachkenntnissen aus der Traberszene und der Medizinbranche um sich wirft, gerät ihm die Story aus den Gleisen, und seine Figuren bleiben sich selbst überlassen. Dann „verwandelt sich die Stille in mystische Substanz“, dann ist „die Stimme wie etwas Rieselndes unter dem Laub“, dann lässt er Soldaten beim Wachdienst „in grenzenlosem Staunen über die Schönheit des Lebens … und einer fast kindlichen Wundergläubigkeit“ allein und erspart dem Leser auch den „ultimativen Traumfick mit Dauerständer bis zum Wecken“ nicht.

Spannungsgeladene, oft bedrückende Lebensgeschichten, die ebenso Vieles offenbaren wie im Verborgenen lassen, werden den Leser ansprechen und berühren. Um zu „Deutschlands besten Erzählern“ zu gehören und „weltmächtiger Genauigkeit“ (Kommentare auf dem Cover) fähig zu sein bleibt jedoch noch ein ganzes Stück Weges zurückzulegen.

Ralf Rothmann: "Shakespeares Hühner"
Suhrkamp, gebunden, 19,95.