Stefan ZweigMeisternovellen

Fischer Taschenbuchverlag

Das Buch in meinen Händen wirkt schlicht. Auf seinem Pappumschlag eine Fotographie von einem sitzenden Mädchen in einem weißen Kleid, mit einer schwarzen Katze im Arm.

Und jetzt, da ich dieses Buch zuschlage, weil die Seiten gezählt sind, fühle ich mich leer und reich zugleich.

Irgendetwas wird mir fehlen. In den letzten Wochen bin ich eingetaucht in diese aus Sprache geschaffenen Welten, die um mich herum alles vergessen machten und die nun mit der letzten Seite aufhören. Und doch hallt genau dieser Zauber in mir nach.

9 Novellen entführen in das Leben von den unterschiedlichsten Menschen, man darf Augenblicke in ihm verweilen, es beobachten, teilhaben.

Stellen Sie sich zum Beispiel vor, Sie erhalten einen Brief von einem Menschen, der Ihnen unbekannt erscheint. Und er schreibt Ihnen von seinem Leben, einem Leben, dass eigentlich nur für Sie gelebt wurde.

So ergeht es einem Schriftsteller. Er erhält einen Brief von einer Frau, derer er sich nicht erinnern kann. "Du, der Du mich nie gekannt. Mein Kind ist gestern gestorben..." - die ersten Zeilen des Briefes. Rätselhaft und geheimnisvoll. Und die Frau schickt ihm mit diesem Brief ihr Leben, schreibt von Momenten, die für den Einen alles und für den Anderen nur flüchtig waren. Ihnen wird die Frau bekannt werden, bleibt es aber für den Schriftsteller der "Brief einer Unbekannten"?

"Im März des Jahres 1912 ereignete sich im Hafen von Neapel bei dem Ausladen eines großen Überseedampfers ein merkwürdiger Unfall, über den die Zeitungen umfangreiche, aber sehr phantastisch ausgeschmückte Berichte brachten..." - so beginnt die Novelle "Der Amokläufer".

Auf eben diesem Schiff treffen zwei Menschen in der Nacht an Deck bei den Schiffstauen zusammen. "...Ich kann nicht sagen, wie seltsam und schaurig das war, dies stumme Nebeneinandersitzen im Dunkeln, knapp neben einem, den man nicht sah... Aus Verlegenheit nahm ich mir eine Zigarette heraus. Das Zündholz zischte auf, eine Sekunde lang zuckte Licht über den engen Raum. Ich sah hinter Brillengläsern ein fremdes Gesicht, das ich noch nie an Bord gesehen, bei keiner Mahlzeit, bei keinem Gang, und sei es, daß die plötzliche Flamme den Augen wehtat, oder war es eine Halluzination: es schien grauenhaft verzerrt, finster und koboldhaft..."

Unter südlichem Sternenhimmel reift eine Geschichte, die bereits im Anfang der Novelle ihr Ende hat.

Ein Meister des Wortes, der mit meisterhafter Genauigkeit Charaktere formt und der es meisterhaft versteht, Spannungen aufzubauen, hat diese Novellen geschrieben - Stefan Zweig. Die Novellen eines Meisters - Meisternovellen...

Das Buch trägt seinen Titel zu Recht...

Stefan Zweig: "Meisternovellen"
Fischer Taschenbuchverlag, Taschenbuch, 7,50 Euro.
Diese Besprechung schrieb Katja Manig.