Leon de WinterMalibu

Diogenes

Haette ich doch meinem gesunden Menschenverstand vertraut! Leon de Winter erzaehlt eine Geschichte, die ganz traurig beginnt und immer phantastischer wird, geradezu groteske Zuege annimmt, fast schon wie im Maerchen. Am Ende loest sich aber alles verblueffend auf – ernuechternd und beruhigend zugleich: Es handelt sich nicht nur um einen großen Betrug an der Hauptperson des Romans, die aus großer Trauer immer auf das falsche Pferd setzt, sondern auch um eine Lektion fuer den Leser.

Worum geht es? Der Schriftsteller Joop Koopman verliert seine huebsche und begabte Tochter Mirjam an deren 17. Geburtstag durch einen dummen Verkehrsunfall. Zur selben Zeit wird er angeworben von einem ehemaligen Schulfreund, fuer den israelischen Geheimdienst zu arbeiten, ein Ansinnen, das ihm ueberhaupt nicht liegt und nun obendrein noch voellig unpassend kommt. Doch der Mangel an Geld und das Beduerfnis, die naeheren Umstaende des Todes seiner Tochter zu erfahren, verleiten ihn doch, den zweifelhaften Auftrag anzunehmen. Doch wem soll er trauen? Wem kann er sich anvertrauen? Es entstehen die seltsamsten Beziehungen, eine alte Schulfreundin taucht auf und hilft ihm, fuer Stunden seine Tochter zu vergessen… und bringt ihn mit seinem vor 50 Jahren ermordeten Großvater zusammen.

Spaetestens hier schiebt sich eine zweite Ebene des Romans, die unterschwellig von Anfang an da war, in den Vordergrund: die Auseinandersetzung mit unterschiedlichen religioesen Vorstellungen im Judentum, im Buddhismus, im Christentum und von Menschen, die eigentlich glauben, dass sie gar nicht glauben. Die Aufloesung am Ende bringt ausgerechnet der Ungluecksfahrer „God“ (!), der das Maedchen in den Tod gefahren hat. Ihr Tod war nicht reiner Zufall, sondern eine Verkettung von Unaufmerksamkeiten, die dadurch entstanden sind, dass jeder seinem eigenen Lebensglueck nachlief und dabei in irgendeiner Weise unaufmerksam handelte.

Und was hat das mit meinem gesunden Menschenverstand zu tun? Eigentlich haette ich es merken muessen, dass alles nur ein groß angelegter Betrug war, geschickt eingefaedelt und feinsinnig durchgefuehrt, so feinsinnig, dass nicht nur Joop Koopman in sein Netz geht, sondern auch der Leser nur allzu bereit ist, seinen gutglaeubigen Fehlinterpretationen zu folgen. Mit etwas mehr Vertrauen in die eigenen Erfahrungen haette ich viel eher merken muessen, dass Leon de Winter den Leser bewusst auf diese Faehrte fuehrt und mit brutaler Realitaet zeigt, dass Glauben nicht im Verborgenen und Jenseitigen wurzelt, sondern in der ganz einfachen Realitaet.

Leon de Winter: "Malibu"
Diogenes, gebunden, 22,90 €.
Diese Besprechung schrieb Jörn Erler.