David Clay LargeEinwanderung abgelehnt

Karl Blessing Verlag

Anhand des Schicksals eines süddeutschen Fabrikanten jüdischer Herkunft und seiner deutsch- jüdischen Familie sowie eines ausgedehnten Briefwechsels zum Thema Emigration wird das Los der durch das Naziregime rassisch verfolgten und durch die

Einwanderungspolitik der westlichen Demokratien im Stich gelassenen Menschen des Deutschen Reiches und seiner besetzten Gebiete dargestellt.

Der Chemiker Max Schohl, als deutscher Offizier im ersten Weltkrieg ausgezeichnet, Anhänger des deutschen Patriotismus, Gegner des Zionismus, ist überzeugt, dass die Deutschen zu kultiviert und gebildet sind, um die Nazis gewähren zu lassen. Die Vaterlandsliebe überwog den Überlebensinstinkt.

Im Gefolge der Rassenpolitik wurden um das Wohl der Stadt verdiente Bürger wie

Max Schohl an den gesellschaftlichen Rand gedrängt und schließlich zu Freiwild erklärt,

nur weil sie Juden waren.

Die westlichen Demokratien, namentlich die USA, verhielten sich gegenüber einwanderungwilligen Juden restriktiv. Ursachen waren wirtschaftliche Depression und hohe Arbeitslosigkeit, daraus abgeleitet die Furcht vor Massenimmigration, Überflutung durch Eindringlinge und teilweise auch Antisemitismus. Eine besondere Abneigung wurde gegenüber den „Ostjuden“ geschürt, die Barbaren gleichgesetzt wurden.

Das Wachsamkeitsargument gegenüber den polnischen und russischen Juden des Ghettotyps wurde später auf sämtliche Juden ausgedehnt.

Unter Berücksichtigung der Teilnahme jüdischer Intellektueller an der russischen Oktoberrevolution gab es Gleichsetzungen zwischen Judentum und Kommunismus.

Doch selbst ein beachtlicher Teil der amerikanischen jüdischen Bevölkerung sprach sich für Restriktionen aus.

Großbritannien drosselte die jüdische Einwanderung nach Palästina aus Rücksicht auf die arabische Opposition. Die südamerikanischen Staaten folgten der Ablehnung von Immigranten aus vorwiegend wirtschaftlichen Befürchtungen.

Dennoch liegt bei allem Unverständnis gegenüber der Haltung westlicher Demokratien die Schuld für die Katastrophe des Holocaust einzig und allein bei der faschistischen Führung Deutschlands und seiner Satrapen.

Die Besorgnis westlicher Länder, die Einwanderung würde zu einer Belastung unerträglichen Ausmaßes, wurde von den Nazimachthabern zu ihren Gunsten einkalkuliert.

Bezeichnend ist die im Oktober 1932 (!) geäußerte Fehleinschätzung der Lage in Europa durch den amerikanischen Präsidenten Hoover: „Mit dem Erstarken der Demokratie in anderen Ländern ist die politische Verfolgung weitgehend zum Erliegen gekommen. Für die Vereinigten Staaten besteht daher keine Notwendigkeit mehr, den aus Gewissensgründen Verfolgten Asyl zu gewähren.“

Nach dem kurz darauf erfolgten Machtantritt Hitlers gelang es Präsident Roosevelt mit Unterstützung hoher jüdischer Regierungsbeamter, Lockerungen des Einwanderungsrechtes gegen den Willen des State Department durchzusetzen.

Die Naziherrschaft führte zur 5. und größten Aliya (Einwanderungswelle) nach Palästina.

Max Schohl konnte von den Einwanderungsmöglichkeiten trotz langwieriger, aber vergeblicher Bemühungen seiner in den USA lebenden Verwandten und endlich nach Kriegsausbruch nicht profitieren. Die Flucht der Familie nach Kroatien verhinderte nach der deutschen Besetzung nicht Verhaftung und Deportation nach Auschwitz.

Er wurde von der Regierung des Landes umgebracht, dem er sein Leben lang loyal und mit

Hingabe gedient hatte.

Nachdem seine Ehefrau nach Kriegsende den Entschluss gefasst hatte, nach Amerika auszuwandern, bereitete es ihr keine Probleme, die erforderlichen Einreisebewilligungen zu erlangen. Es gehört zu den bitteren Ironien der Geschichte, dass es für europäische Juden

n a c h dem Holocaust wesentlich einfacher war, an ein Einreisevisum zu kommen als in der Zeit, da der Völkermord im vollen Gange war.

Wer sich für die umfangreichen Recherchen des Autors und den aufschlussreichen Briefwechsel Max Schohls interessiert, dem hilft nur eines: Das Buch lesen!

David Clay Large: "Einwanderung abgelehnt"
Karl Blessing Verlag, gebunden, 20,00 Euro.
Diese Besprechung schrieb Dr. Egbert Scharfe.