Ernst AugustinDie Schule der Nackten

Beck

Wem kann man so etwas verkaufen?

Es gibt Schulen für alles, so auch für das Schreiben guter Bücher. Die Bestseller-Autor-Lehrer wissen, wie man das macht: Sex, Crime und lebensbedrohliche Aktualität, von allem etwas und in schönem Rhythmus. Macht nichts, wenn sich die Hauptdarsteller, die gerade der sicheren Ermordung entronnen sind, etwas unvermittelt im Bett herumwälzen. Wenn es nun mal gerade dran ist, dann muss solch ein Akt halt sein - und vor allem schweinisch muss er sein und in Großformat, ohne Tabus...

Oh, um wie viel schlimmer muss es da in der Schule der Nackten zugehen? Der Leser, der dieses denkt (und wer würde nicht so denken), wird enttäuscht sein - oder besser, was sage ich, er wird angenehm überrascht sein. Höchst angenehm. Im gesamten Buch geht es nur um das eine: im Schwimmbad am Nacktbadestrand, bei ihr zu Hause, ja sogar bei einem höchst esoterischen Kurs zum Erlernen des ohnehin Bekannten, immer geht es um das Nacktsein, den Anblick der nackten Anderen und vor allem um den, den man wohl selbst abgeben mag. Da tauchen plötzlich Peinlichkeiten auf, Lächerlichkeiten, die Sorge vor Unpassendem, aber auch überraschende Entdeckungen, zum Beispiel diejenige, wie wunderbar Runzeln aussehen können...

Eine solche geballte psychologische Betrachtung könnte furchtbar trocken sein. Aber wer das vermutet, der kennt nicht Ernst Augustin. Meisterhaft spielt er mit dem Wort, spricht mit Leichtigkeit die kompliziertesten Gefühle an (kompliziert, weil sie so einfach sind, dass man sie eigentlich gar nicht auszusprechen wagt), und - was schon fast unglaublich ist - er vermeidet es konsequent, zu banal, zu direkt oder gar zotig zu werden. Und so ganz nebenbei enthüllt er dem Leser nicht so sehr den menschlichen Körper als vielmehr seine verkrüppelte Sehnsucht nach mehr Intimität. Mit beißendem Detailwissen geißelt er so manche auf indisch gemachte Verführungs-"Kunst" und die Plattheit "raffinierter" Riten. Kurz: das Buch ist ein Hochgenuss, den man viel zu schnell verschlungen hat. Ob man dabei Lust auf mehr bekommt? Zumindest tötet es die Lust nicht ab wie manche Darbietung, die man oft zu lesen oder im Fernsehen zu sehen bekommt.

Aber noch einmal: Wie kann man so etwas verkaufen? Der potentielle Kundenkreis ist ein im mehrdeutigen Wortsinn "erlesener". Welche Buchhändlerin aber bietet ihrem besten Kunden dieses Buch an? Die Missverständnisse sind doch schon jetzt vorprogrammiert. Darum muss es anders gehen: Sprechen Sie, lieber Leser, von sich aus die Buchhändlerin Ihres Vertrauens an und sagen Sie ihr, dass Sie "Die Schule der Nackten" haben wollen. Aufrecht und mutig, so als sei es das Normalste der Welt, gerade so als würden Sie das erste Mal an einen Nacktbadestrand gehen...

Ernst Augustin: "Die Schule der Nackten"
Beck, gebunden, 19,90 Euro.
Diese Besprechung schrieb Jörn Erler.