Benjamin SteinDie Leinwand

C.H.Beck

Ein außergewöhnliches Buch. Es besteht aus zwei Geschichten. Beide Hauptpersonen, Jan Wechsler und Amnon Zichroni, sind Juden. Jude zu sein ist ein wichtiges Thema, das sich durch das ganze Buch zieht wie ein Roter Faden mit seinen vielen liebevollen, dann wieder rauen und widerspenstigen Fasern.

Den Einen, Amnon Zichroni, begleiten wir fast sein ganzes Leben lang. Wie er aufwuchs in engen Verhältnissen in Israel, aus denen er fortgeschickt werden musste, um einem Skandal aus dem wege zu gehen. Er wächst auf in der Schweiz bei einem Onkel, der sich ebenfalls sehr um seine jüdische Erziehung bemüht. In Amerika lernt er an einem jüdischen College - und gewinnt dort einen Freund, der die religiösen Riten in Frage zieht und damit bei unserem Helden die Auseinandersetzung mit seinem Glauben noch beflügelt. Er widmet sich der Psychiatrie, ein Fach, in dem er seine (etwas phantastische) Fähigkeit, Erinnerungen anderer Menschen zu fühlen, sinnvoll nutzen kann.

Der Andere, Jan Wechsler, lebt im hier und jetzt. Als Verleger ist er nicht besonders erfolgreich, aber es geht ihm gut mit seiner kleinen Familie und im Schoß der jüdischen Gemeinde. Bis ein Koffer seine Ruhe durcheinanderbringt. Denn er enthält Bücher und kleine Erinnerungsstücke, die er nicht kennt, auch wenn sie alle seinen Namen tragen. Gibt es einen anderen Jan Wechsler, der sich ebenfalls der Literatur verschrieben hat? Unserem Antihelden kommen Zweifel, und der Leser merkt schnell, dass ihm sein Erinnerungsvermögen einen Streich spielt. Er hat seine persönliche Vergangenheit erfolgreich verdrängt und sich eine neue geschaffen, die er aus seinen eigenen Romanen her kennt.

Beide Geschichten laufen aufeinander zu. Sie verzahnen sich immer mehr, so sehr, dass beide Hauptpersonen am Ende schuld sind am Tod des jeweils anderen - und deswegen ihre Identität aufgeben mussten. Es ist großartig, wie es Stein gelingt, diese Kulmination aufzubauen, ohne dabei den Eindruck des Konstruierten entstehen zu lassen. Die Geschichte ist phantastisch, aber dennoch glaubhaft.

Interessant ist auch der Aufbau des Buches. Man kann es „von der blauen Seite“ aus beginnen und damit der Geschichte des Amnon Zichroni folgen. Oder man beginnt „an der roten Seite“ und sich in die zunehmenden Selbstzweifel des Jan Wechsler vertiefen. In der Mitte treffen sich die Halbbücher und geben den Blick frei auf ein Glossar, in dem die wichtigsten jüdischen Fachausdrücke erklärt werden (ohne die man aber den Geschichten nahtlos folgen kann). Ich selbst habe es vorgezogen, je nach Lust und Laune ein Kapitel von der roten, dann zwei von der blauen Seite usw. zu lesen. Das war spannend und unterhaltsam. Und es hat am Ende gut funktioniert.

Ich bin froh, das Buch gelesen zu haben. Es bietet zum Einen interessante und unterhaltsame Lektüre. Zum Anderen setzt es sich in vielfältiger Weise mit dem jüdischen Glauben auseinander und eröffnet Einblicke in eine Welt, die einmal als schreckliches Korsett entlarft wird, dann wieder Halt gewährt als vielleicht sogar Wege aufzeigt, dem eigenen Ich und seiner Verantwortung zu entfliehen.

Benjamin Stein: "Die Leinwand"
C.H.Beck, gebunden, 19,90 Euro.