Elfriede JelinekDie Klavierspielerin

Rowohlt

Die Autorin schildert die Symbiose einer 30jährigen begrenzt erfolgreichen Pianistin mit ihrer ihr Leben bis zur Unerträglichkeit bestimmenden und verwaltenden Mutter.

Die dadurch erstickte Privatsphäre der jungen Frau zwingt zu einem wenig erfolgreichen Kampf gegen die mütterlichen Bande. Sie möchte als Individuum nicht immer und überall erreichbar und kontrollierbar sein. Die mütterliche Abschirmung führt zu Kontaktverlust, die Gängelung zur Lächerlichkeit. Gegenseitige Liebe und Abhängigkeit lassen auf Grund beiderseitiger Fehlhaltung gegenüber dem realen Leben eine unauflösbare Hassliebe entstehen.

Die Situation beschreibt ein Musterbeispiel, wie Väter und Mütter nicht verpassen dürfen, die der Kindheit entwachsene Generation in die Selbständigkeit und Eigenverantwortung zu entlassen. Die Mutter – und wie viele Eltern verhalten sich gleichartig – sieht in der Tochter etwas Besonderes, Einmaliges. Die Tochter Erika wird zur Unfähigkeit eines partnerschaftlichen Lebensweges erzogen, da sie sich völlig der Mutter untergeordnet hat. Letztere sortiert den Umgang. Erika ist Individualist und braucht vermeintlich keinen Partner. Schließlich glaubt sie dieses selbst. Die Mutter formt sich ein Idealbild der Tochter, schirmt sie nach ihrem Verständnis ab und zielt auf deren absolute Weltspitze als Künstlerin.

Aus dieser Enge und diesem Zwang unternimmt Erika den untauglichen Versuch des Ausbruchs aus ihrem Käfig. Sie studiert heimlich die Umwelt, selbst durch mütterliche Affenliebe und Kontrolle ausgegrenzt, die erotischen Praktiken anderer, primitiver Menschen.

Das Eingesperrtsein und die ständige Beaufsichtigung führen zu gedanklichen erotischen Exkursionen und abnormen Sehnsüchten. Gleichzeitig verspürt Erika einen Trieb zur Selbstzerstörung, um Aufmerksamkeit zu erregen.

Die Autorin ergeht sich in extenso in der Schilderung von Situationen, die eng an Obszönität und Perversion angrenzen, damit abstoßend wirken, aber sicherlich der Wirklichkeit entsprechen. In offenbar hervorragender psychologischer Kenntnis wird der Charakter der jungen Frau gezeichnet, der durch Fehlerziehung verursachte Impressionen erkennen lässt.

Beispiele sind sekundäre Eigenschaften wie Neid, Eigenhass, Missgunst, das Gefühl vertaner Jugend und unerfüllter Liebe. Erotisches Verlangen und masochistische Gefühle wechseln einander ab.

Der sich aufdrängende, später psychopathisch ersehnte Lebenspartner ist jung, unreif, lebensunerfahren und reagiert ebenfalls psychopathisch.

Das Buch ist eine interessante psychologische Studie, die das abnorme, vorzugsweise von der Mutter erzwungene, Zusammenleben zweier Generationen analysiert, wie es tatsächlich sicherlich gar nicht so selten vorkommt und Psychologen wie Psychiater beschäftigt.

Die Studie bewegt sich dabei über längere Strechen in erotisch- obszönen Schilderungen, die nicht Jedermanns Geschmack sind, andererseits realistisch erscheinen.

Die Frage, ob der Roman die Anforderungen an einen Nobelpreis erfüllt, war allein durch das zuständige Komitee zu entscheiden.

Elfriede Jelinek: "Die Klavierspielerin"
Rowohlt, Taschenbuch, 7,90 €.
Diese Besprechung schrieb Dr. Egbert Scharfe.