Arnon GrünbergDer Vogel ist krank

Diogenes

Die langjährige Partnerschaft zwischen den Haupthandlungsträgern, dem Übersetzer Christian Beck und dessen Lebensgefährtin, genannt "Vogel", gelangt jäh an einen Wendepunkt, als bei ebendiesem "Vogel" eine Krebserkrankung festgestellt wird.

Grünberg beleuchtet in seinem Roman eingehend die Gestaltung des Zusammenlebens, das stetige Auseinanderleben und das trotz allem immer wieder Zueinanderfinden der beiden Liebenden. Leidenschaft gibt es in dieser Beziehung schon lange nicht mehr, dennoch existiert eine unbedingte Abhängigkeit zwischen diesen beiden Personen, die sich im Laufe der Handlung noch verstärkt.

Der Autor stellt seinen Protagonisten Christian Beck als gebrochenen Mann dar, zerrissen zwischen der hingebungsvollen, wenn auch passiven Liebe zu seiner Frau und dem übermäßigem Hass auf seine Umwelt und vor allem: auf sich selbst. Die intensive Verbindung zu seiner Lebensgefährtin ist quasi Becks letzter Halt und diese Verbindung wird schon zu Beginn gestört, indem mit der Figur des Asylbewerbers ein Nebenbuhler auftaucht, der erst Becks Freundin heiratet, und dann mit Christian und dieser in einer Art Dreiecksbeziehung lebt. Eine seltsame Situation, die Beck jedoch mit einer Art nüchterner Teilnahmslosigeit akzeptiert.

Die Funktion der Kapitel nutzt Grünberg, um abwechselnd das Leben jener Darsteller sowohl vor als auch nach der Krebsdiagnose zu schildern.

Handlungsorte sind dabei die israelische Küstenstadt Eilat, der Wohnsitz in der Vergangenheit, sowie Göttingen, derzeitiger Wohnort und damit Schauplatz der in der Gegenwart erzählenden Handlung. Fragwürdig ist jedoch der Bezug zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Hofft man anfangs darauf, im schon Geschehenden eine Lösung aufkommender Fragen zu finden, ist dies nahezu vergeblich. Vielmehr konzentriert sich der Bericht des Lebens in Eilat auf unzählige Szenen im dort ansässigen Bordell, in welchem Christian seine Freizeit verbrachte. Sicher mag dies als Erklärung für später auftretende Konflikte in der Beziehung zwischen Christian und seiner Partnerin dienen, ob die Ausführlichkeit jener Szenen aber in dieser Häufigkeit notwendig war, sei dahin gestellt.

Obwohl es sich eigentlich verbietet, Anteil an solch leeren, kaputten Menschen wie Christian Beck zu nehmen, gelingt dem Autor gerade dies auf seltsame Weise. Arnon Grünberg gelingt mit diesem Roman eine erstaunliche Gradwanderung zwischen Tragödie und Komödie, Absurdität und Realität, die sehr interessant ist. Und ebendies macht diesen Roman zu etwas Besonderem.

Arnon Grünberg: "Der Vogel ist krank"
Diogenes, Taschenbuch, 10,90 Euro.
Diese Besprechung schrieb Elisabeth Auerbach.